1945


Tallinn (Reval)

Graal-Müritz

Die Aufzeichnungen von meiner Mutter Maria über das Ende des Krieges und die erste Zeit der sowjetischen Besatzung

Im Zuge der Aktion "Heim ins Reich" war die Familie 1939 aus Reval/Tallinn (Estland) umgesiedelt worden und lebte bis kurz vor Kriegsende in Rauden bei Dirschau in Westpreußen. Nach einem Versuch, mit einem Pferdefuhrwerk auf dem Landweg zu fliehen, waren sie zur Umkehr nach Danzig gezwungen gewesen und konnten sich in Gotenhafen einschiffen. Maria war damals 24 Jahre alt und mit zwei kleinen Kindern -- Erik und Wolfgang -- und ihren Eltern auf der Flucht. Ihr Mann war in Ostpreußen stationiert gewesen; zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse hatten sie den Kontakt verloren.
Den Anfang der Erinnerungen schrieb Eva, die Tochter von Maria, als Gedächtnisprotokoll nach Telefonat; von den Sternen *** an hat Maria die Aufzeichnungen angefertigt.
Die Erinnerungen wurden jedoch nicht vollendet; schon längere Zeit fehlte Maria die Kraft weiterzuschreiben; inzwischen nahm ihr der Tod den Stift aus der Hand.

Aufzeichnung nach Telefonat durch Marias Tochter Eva

Maria in Rauden/Danzig während des Krieges

Wir gingen in Warnemünde an Land. Es war uns schon gelungen, einen Zug nach Hamburg zu finden, da mußten wir wieder aussteigen, denn den kleinen Jungen ging es sehr schlecht.
Ich brachte den kleineren in einem Krankenhaus in Rostock unter, den größeren, auch noch keine vier Jahre alt, im Kinderkrankenhaus in Graal-Müritz (heute Krebs-Nachsorgeklinik). Wir waren im Schulhaus untergebracht. Die Jungen hatten sich mit Diphterie infiziert, nachdem sie schon geschwächt waren -- durch den Hunger und durch die Kälte auf dem Pferdefuhrwerk.
In Gelbensande wurde ich später im Sägewerk von Spiegelberg zur Arbeit eingeteilt (heute der Baumarkt nah der Bundesstraße). Das war schon unter der sowjetischen Besatzung. Damals wurden Frauen und Verwundete zu Waldarbeit eingesetzt und mußten Bäume fällen. Wer essen wollte, mußte arbeiten.

Wir konnten uns mit der sowjetischen Kommandantur recht gut verständigen. (In Estland war es mehr oder weniger selbstverständlich, daß man Russisch sprach.)
Der Kommandant hieß zuerst Akimov. Er war ein sehr freundlicher Mann. Ihm folgte ein anderer, dessen Name ich nicht mehr weiß, ein finsterer Kasache.
Eines Tages hatte meine Mutter bei Akimow zu tun, ich weiß nicht mehr, was ihr Anliegen war. Er zeigte ihr einen Stapel Briefe: Sämtlich Denunziationen deutscher Bürger in seinem Kommandanturbezirk gegen andere Deutsche. Viele wollten sich offenbar durch solche Schreiben reinwaschen und von sich selber ablenken, vermute ich.

Die Vergewaltigungen liefen zum Teil als regelmäßige Besuche bei Frauen ab. Eine Flüchtlingsfrau, mit der ich mich angefreundet hatte, hatte einen Sohn von sechs oder sieben Jahren. Der eine ihrer Besucher nahm Rücksicht und wartete, bis das Kind schlief; der andere war oft betrunken und stürzte sich gleich auf sie.
Im Krankenhaus befanden sich viele Frauen, die mit Geschlechtskrankheiten infiziert worden waren -- durch die Besatzer.