1945

Graal-Müritz

Die Aufzeichnungen von meiner Mutter Maria über das Ende des Krieges und die erste Zeit der sowjetischen Besatzung



oben: Wolfgang, unten: Erik

Es schien, daß die Russen die Krankenschwestern respektierten und sich nicht an ihnen vergriffen. Jedenfalls geschah es einmal im Krankenhaus, als ich die Treppe hinaufging, daß ein Rotarmist, den ich am Akzent als Ukrainer erkannte, mich fragte: "Bist du eine Schwester?" Ich antwortete auf Russisch: "Ja", und er ließ mich unbehelligt weitergehen. Offenbar war ihm nicht einmal aufgefallen, daß ich ihn verstanden und auf Russisch geantwortet hatte.
Es gab im Ort zwei Frauen, die fungierten quasi als Blitzableiter und lenkten die Rotarmisten von den anderen Frauen ab, indem sie sich selber anboten. Sie waren wohl auch früher schon Prostituierte gewesen; so wurden sie dann sicher in Naturalien bezahlt.

Die Not war so groß, daß einmal eine Pflegerin im Kinderheim meine Mutter fragte, ob sie nicht Milch oder andere Nahrungsmittel für die Kinder hätte, die Kühe waren schon nach und nach geschlachtet worden.
Ja, so war es damals: Äußerlich sah alles heil und schön aus, aber im Inneren herrschten Not und schreckliche Zustände.
Die Einheimischen waren auch alles andere als glücklich über die Einquartierung der Flüchtlinge und machten ihnen ihr Los nicht leichter.
Eine Pflegerin oder Schwester im Kinderkrankenhaus hieß Elli Etzold und war damals etwa 40 Jahre alt. Ich freundete mich etwas mit ihr an. Dann starb Erik in Rostock; nur mein Vater, der Totengräber und ich waren sein Geleit ans Grab.

Ich betete zu Gott, er möchte mir das andere Kind lassen. Ich sah einmal verbotenerweise durch die Glasscheibe der Station, und Wolfgang entdeckte mich und weinte.
Als er aber auch starb, nur kurz nach Erik, da hatte ich keine Tränen. Elli herrschte mich an: "Weinen Sie doch!" Das kränkte mich, aber weinen konnte ich nicht.
An der Ecke der Straße, in der das Krankenhaus war, wo man zum Strand abbog, lag eine ehemals prächtige Villa, wo die Kosaken wohnten. Sie machten Tee aus der Rinde von Sauerkirschzweigen, die mußte ich manchmal sammeln. Das war die Art der Baschkiren, Tee zu machen, sie sind ein sehr fröhliches Turkvolk und lachten mehr, als ich je bei Leuten erlebt habe."

Hier endet das Telefonprotokoll und beginnt die eigenhändige Aufzeichnung.

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